Kulturgut Wasser in Waidhofen an der Ybbs
Bedeutung von Wasser für Waidhofen/Ybbs (einst, jetzt, zukünftig)
Arbeitswelt
Wasser ist ein kostbares Gut, das es in höchstem Maße zu schützen gilt. Sauberes Wasser zählt zu den unverzichtbaren Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen. Wasser dient aber nicht nur als Lebensmittel, sondern vielen Zwecken. Seit jeher nutzt der Mensch die Flüsse, Seen und Kanäle als billiges Transportmittel für seine Abwässer, für die Schifffahrt und dergleichen. Auch für die Freizeit des Menschen hat Wasser in seinen verschiedenen Erscheinungsformen einen beträchtlichen Wert. Große Bedeutung hat es auch für die Arbeitswelt: so verbrauchen Landwirtschaft und Industrie große Mengen Wasser für ihre Produktion.
Diese Bedeutung von Wasser gilt natürlich auch für die Waidhofner Arbeitswelt.
Waidhofens Lage:
Bevor wir uns aber mit der Arbeitswelt beschäftigen, wollen wir erst Waidhofens Lage näher bestimmen.
Waidhofen, zwischen Ybbs und Schwarzbach liegend, befindet sich in einer Senkung, in der die Flüsch- und Kalksteinzone zusammenstoßen. „Im Süden der Stadt erheben sich mit Buchenberg und Schnabelberg bereits die Kalkvoralpen, während sich im Westen und Norden Waidhofens die breiten und fruchtbaren Hügel der Flüschzone gegen das Alpenvorland erstrecken.“ (Zitat Sobotka 1) Weiters wird Waidhofens Talkessel von mehreren Verkehrswegen durchzogen.
Wirtschaftliche Grundlage:
Die wirtschaftliche Grundlage Waidhofens fußt auf vier Komponenten: Kleinindustrie, Kleinhandel, „der sich aus der Wechselwirkung von Stadt und Land ergibt“ (Zitat Sobotka 2), Schulstadt und der aufkommende Tourismus.
Weil es den Rahmen sprengen würde, wollen wir uns auf die Kleinindustrie beschränken.
Schmieden:
Ein wichtiger Bestandteil der Kleinindustrie ist zweifellos die Eisenverarbeitung und damit natürlich die Schmieden. Das Erz wurde am Erzberg in der Steiermark abgebaut und danach im Hochofen verhüttet. Nach diesem Vorgang hatte das Roheisen über 4% Kohlenstoff. Um den Kohlenstoffanteil unter 2% zu bringen, musste man es erst frischen, auch genannt zerrennen, denn nur so konnte es verarbeitet werden.
Bei den eisenverarbeitenden Betrieben wollen wir die Sensenschmieden näher erläutern.
Sensenerzeugung:
Die Sensenerzeugung war ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschaftskraft unserer Heimatstadt. Die Sense war neben dem Pflug das wichtigste Gerät der Landwirtschaft. Da die Herstellung des Stahles und später der Sense sehr schwierig und kostspielig waren, wurde die Sense zu einem sehr wertvollen Gerät. Im 14. und 15. Jahrhundert spezialisierten sich die Schmiede auf bestimmte Produkte und bildeten entsprechende Zünfte. So wurden zum Beispiel in Waidhofen die Messerer Schmiede und deren Zunft sehr bekannt, da sie die „Messerer Monstranz“ fertigten. Auch die Sensen- und Sichelschmiede bildeten ihre eigene Zunft. Die Sensen wurden bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in so genannten „Faustschmieden“ erzeugt. Dies bedeutete, dass die Sensen bis dahin rein händisch erzeugt wurden und somit nur eine geringe Stückzahl erzeugt werden konnte. Mit der Einführung von Schwanzhämmern, die durch Wasserkraft betrieben wurden, trat ein struktureller Zustand ein. Da die Sensen in Österreich eine solch hervorragende Qualität besaßen, wurde Österreich weltweit führender, was die Sensenerzeugung betraf. Im 18. Jahrhundert erzeugten die rund 150 österreichischen Sensenwerke etwa 6 Millionen Stück jährlich, die zum Großteil exportiert wurden. Waidhofen war die Haupterzeugungsstätte Niederösterreichs.
Das Wasser, das die Hämmer in Bewegung versetzte, kam aus einer Wehr. Dort wurde das Wasser gestaut, was insbesondere bei Hochwässern wichtig war. Durch einen Fluder wurde das Wasser in die Radstube geleitet, wo es die Schaufelräder in Rotation versetzte. Weitere Räder dienten zum Antrieb des Schleifsteines und der Gebläse. Der Boden einer Schmiede bestand aus gestampftem Lehm.
Schwanzhammer:
Messerer Monstranz:

Waidhofens letzter Schmiedemeister
Gottfried Wabro (1864 - 1954):

Schwanzhammer (Bammerhammer):


Schleifer:
Weitere Handwerker, die ohne Wasser nicht existieren konnten, waren die Schleifer.
Schleifen und Schleifer, die seit dem 13. Jahrhundert in Deutschland und Österreich einen organisierten Berufsstand bildeten, waren notwendig, seit Werkzeuge und Waffen geschmiedet wurden. Sie arbeiteten vor einem rundumlaufenden, zylinderförmigen Sandstein mit bis zu zwei Metern Durchmesser. Während größere Schleifen ursprünglich noch mit Menschenkraft angetrieben wurden, verwendete man ab dem 14. Jahrhundert die Wasserkraft, sodass die Schleifen auch als Schleifmühlen bezeichnet wurden. Diese befanden sich in Waidhofen alle am Schwarzbach oder an der Ybbs. Allerdings resultierten aus dem Gebrauch der Wasserkraft auch Probleme, wie Frost, Dürre oder Hochwasser. „In Waidhofen wurden in den Glanzzeiten des Klingenhandwerks sogar eigene städtische Schleifen an der Ybbs errichtet.“ (Zitat Richter 1) Die Schleifer bearbeitenden damals die angelieferten Klingen, Sensen und Messer. Während die Waffenklingen im Nassen geschliffen wurden, was wegen des Schmutzes und der Feuchtigkeit sehr ungesund war, schliff man die Messerklingen trocken. Doch auch dies war aufgrund des Schleifstaubes, der sich den Arbeitern auf die Lungen legte, äußerst gesundheitsschädlich und führte bei den meisten zu einem frühen Tode. So lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Schleifer unter 40 Jahren.
Die Anzahl der geschliffenen Werkstücke war beachtlich, sie wird allein in Waidhofen auf rund 10 Millionen geschätzt.
Im Jahre 1316 sind in Waidhofen erstmals zwei Schleifen urkundlich genannt. 1591 wuchs ihre Anzahl auf sieben. Bereits 1567 erging seitens des Waidhofner Rates eine „Schleiffer Mayster Hanndwerchs Ordnung“, die allerdings auf Grund ihres Umfanges hier nicht wiedergegeben werden kann. Im 15. und 16. Jahrhundert sind schließlich 43 Schleifen und ihre Besitzer urkundlich nachweisbar.
Weil bereits 1316 Schleifen in Waidhofen nachweisbar sind, wird vermutet, „dass für diese Schleifen auch die notwendigen Schleifsteine und Schleifsteinbrüche vorhanden gewesen sein mussten.“ (Zitat Richter 2)
Die Grafik zeigt, welche eisenverarbeitenden Betriebe vom Flusswasser zum Antrieb ihrer Mühlen abhängig waren und wie viele es ihrer in Waidhofen gab.

* bei den Zerrennhämmern handelt es sich um keine Schmieden, sondern Stahlwerke, die große Hämmer mit ca. 250 kg benötigten
Schleifmühle am Ybbsuferweg:


Flößer:
Unverzichtbar war das Wasser natürlich auch für die Flößer. Das heute im Ybbstal längst vergessene Gewerbe war von 1866 bis 1881 ein nicht unwichtiger Wirtschaftsfaktor. „Die ältesten Nachrichten über das Flößen auf der Ybbs stammen bereits aus den Jahren 1504 und 1543“ (Zitat Cerny 1). Nach einer eineinhalb Jahrhunderte langen Pause versuchte der Besitzer der Herrschaft Gleiß, Fürst Montecuccoli, die Flößerei wieder einzuführen, damit man das im oberen Ybbstal reichlich vorhandene Holz besser verwerten konnte. Er scheiterte aber am Widerstand der Waidhofner Hammerherren. 1754 schließlich schaffte es die Innerberger Hauptgewerkschaft den Oberlauf der Ybbs wenigstens zum Holzschwemmen benützen zu können. 1865 wurde die Flößerei nach langem Ringen vom Ministerium für Handel und Volkswirtschaft bewilligt. Entscheidend beigetragen hatte dazu der Schwarzwälder Floßmeister Abraham Koch. Allerdings musste das Ybbsbett erst unter anderem durch Felssprengungen und Überwindungen von Wehren für den Flößereibetrieb adaptiert werden. Schon im Jahr darauf konnte die Flößerei auf der Ybbs feierlich eröffnet werden. Der erste Floßzug wurde von Hollenstein Richtung Waidhofen abgelassen. „Ein Ybbsfloß war kein Einzelfloß, sondern ein Floßzug, der je nach Wasserstand aus 25 bis 36 so genannten „Gstören“ bestand und eine Gesamtlänge von zirka 400 Metern aufwies. Ein Gstör umfasste zumeist 10-20 zusammengebundene Baumstämme und war maximal 6 Meter breit.“ (Zitat Cerny 2). Während das erste Gstör leicht und schmal war, war das letzte am schwersten und breitesten. Das so genannte „Plunderhäuschen“, eine bretterne Hütte, stand in der Mitte des Floßzuges. In ihr konnten die Flößer ihr notwendiges Hab und Gut unterbringen. Die Mannschaft bestand aus 2 Führern und 12 Flößern. 1881 allerdings wurde die Flößerei dann endgültig eingestellt. Ursachen dafür waren einerseits Holzmangel, der im oberen Ybbstal durch unkontrollierten Raubbau eintrat, und andererseits die einsetzende Mechanisierung des Transportwesens, die den Flößereibetrieb unrentabel machten.
Obwohl die Flößerei heute schon stark in Vergessenheit gerät, kann dieser damals wichtige Wirtschaftsfaktor heute als Sport betrieben werden, bei dem man sogar einen Flößerschein ablegen kann.
Wehrumbau, Blick auf Firma Fuchs und Sohn: Schwemmen auf der Ybbs:


Flößern bei Gössling (Göstling):
Weitere Berufe, die entweder auf Ybbswasser oder Quellwasser angewiesen waren und auch heute noch sind:
· Bäckerei
· Brauerei: ein Beispiel aus früherer Zeit wäre die Riedmüller-Brauerei in der Weyrerstraße im Gebäude der heutigen Firma Marcik, eines aus heutiger Zeit wäre die Familie Hehenberger
· Bundesforste: für die große Säge
· Feuerwehr: zum Löschen von Bränden
· Gärtnerei: zum Blumen gießen
· Installateur: Rohrleitungen werden verlegt, um das Wasser zu den Häusern zu transportieren und es auch wieder abzutransportieren; für das Heizen sind Warmwasserzentralheizungen von Bedeutung; hier wäre die Firma Marcik in der Weyrerstraße zu erwähnen
· Krankenhaus
· Kläranlagen
· Molkerei
· Wäscherei: hier wäre die Wäscherei Pointner zu erwähnen, die früher in der Hintergasse war und sich heute am Unteren Stadtplatz befindet
Großfirmen:
Hier wäre unter anderem die Firma Böhler, die früher zu Waidhofen gehörte, anzuführen, außerdem die sich früher in der Messerergasse und gegenwärtig in Ybbsitz befindliche Firma Fuchs und Sohn, die das Wasser für die Kunststoffspritzereien zum Kühlen der Formen benötigt.
Verwendete Literatur:
Bezirksbibliothek Stadtarchiv Waidhofen an der Ybbs:
· W. Sobotka: „Grundherrschaft und Landeshoheit“ (1980)
· Schriftenreihe des Stadtarchivs, Bd. 2/1996, F. Richter: „Schleifen und Schleifer, Schleifsteinbrüche und Schleifsteinbrecher“ (1996)
· Waidhofner Heimatblätter, Herausgegeben vom Musealverein Waidhofen/Ybbs und Umgebung, 2. Jahrgang, 1976, Artikel von A. Rauscher: „Erinnerungen an die Zeit der Sensenerzeugung in Waidhofen/Ybbs
· „Morgen“-Magazin 24/82, Artikel von H. Cerny: „Scylla und Charibdis auf der Ybbs“
Bildnachweis:
· Bezirksbibliothek Stadtarchiv Waidhofen an der Ybbs
· Wasserzimmer des Heimatmuseums Waidhofen/Ybbs
· „Morgen“-Magazin 24/82, Artikel von H. Cerny: „Scylla und Charibdis auf der Ybbs“
· F. Almer: „Waidhofen an der Ybbs in alten Ansichten“
· Unterlagen der Firma Forster
Impressum:
Ausgearbeitet von Kurt Marcik und Simon Schörghofer im März 2006
Mit besonderem Dank an Frau Elisabeth Hopf für die bereitwillige Hilfe beim Suchen der Literatur im Stadtarchiv, Herrn Reinhard Fahrengruber für die Informationen zum Thema Schmieden und an die Firma Forster für die Bereitstellung von Unterlagen zum Thema Schmieden.